DIGITAL DINOSAUR INC

Digitaler Dinosaurier × UX-Design

Im neuen Jahr wird vieles neu – zum Beispiel fange ich bei einem neuen Arbeitgeber an. Dabei geht es um Software, interaktive Assistenzsysteme und den Anspruch, diesen eine benutzerfreundliche Oberfläche zu verpassen, damit User die Software auch gerne verwenden und nicht fluchend in die Ecke schmeißen wollen.

Wie ich das aus Vorgesprächen so mitbekommen habe, möchte mein neuer Arbeitgeber seine Muttergesellschaft manchmal auch fluchend in die Ecke schmeißen. Und nachdem mir von eben jener gerade der Personalfragebogen zugeschickt wurde, kann ich diesen Impuls sehr gut nachvollziehen. 

Wie soll ich sagen, es ist das benutzerfeindlichste Stück Papier, das ich seit langem gesehen habe. Schauen wir es uns einmal genauer an.

  1. Das Formular liegt als PDF vor, lässt sich aber nicht digital ausfüllen.
    Eine normalsterbliche Person wird also dazu gezwungen das Dokument auszudrucken. Das belastet nicht nur die Umwelt und das persönliche Tintentonerbudget, sondern führt auch dazu, dass die handschriftliche Antwort nicht so eindeutig zu lesen sein wird wie eine digitale. Also eine potenzielle Fehlerquelle für Mensch und Maschine bei der Texterkennung.
    Ein bekloppter Bewerber wird übrigens mit dem Gedanken spielen, das Formular in InDesign einzubetten und die Antworten typografisch aufzubereiten. 
  2. Das Formular stellt sehr viele Fragen, gibt aber keinen Platz zur Antwort.
    Etwa so: »Beschreiben Sie ihre soziale Lage, berufliche Karriere und ihren Gesundheitszustand in einem Essay auf 12 Seiten. Sie haben dazu Platz für 10 Zeichen.«
  3. Die winzigen Antwortfelder sind mit einer harten, schwarzen Kontur versehen.
    Eine Antwort in Handschrift-Größe wird also mittig von einem schwarzen Balken durchgestrichen. Auch hier sind Verzweiflungstränen bei der abtippenden Person oder OCR-Software vorprogrammiert.
  4. Freitextfelder bei vorgegebener Zeichenlänge.
    Weiteres Fehlerpotenzial: Bei der Abfrage von langen Zahlenfolgen (wie IBAN, BIC, Steuer- oder Sozialversicherungsnummer) bietet das Formular keine Kästchen an, anhand derer man die fixe Zeichenlänge bzw. Nummernblock-Gliederung festmachen könnte.
  5. Die Felder und Fragen sind unpräzise.
    Es lässt sich in einigen Fällen nicht eindeutig sagen, ob eine Tabellenzeile eine Überschrift darstellt oder ob das Feld eine Antwort erwartet.
  6. Unintuitiver Skalentyp bei Sprachkenntnissen.
    Die Fremdsprachenkenntnisse sollen auf einer Skala bewertet werden. Die Bewertung erfolgt in Schulnoten von 1 (sehr gut) bis 6 (ungenügend). Das ist irreführend. Intuitiv würde ich bei Sprachkenntnissen die höchste, rechts positionierte Zahl als beste Wertung verstehen. Grundkenntnisse = 1, Verhandlungssicher = 6. Zumal: Was soll »mangelhaft« / »ungenügend« außerschulisch überhaupt bedeuten? Grundkenntnisse in einer Sprache sind doch besser als gar keine. Wenn mein Schwedisch gerade mal dazu ausreicht, nach dem Weg zu fragen oder Köttbullar zu bestellen, ist das doch großartig – und wesentlich mehr als »ungenügend«.
  7. Typografische Foltermethoden. 
    Ich zähle vier verschiedene Schriftarten im Fragebogen; teilweise wird innerhalb eines Blocks gewechselt. Die Hausschrift des Unternehmens ist nicht dabei. Bitte lasst mich nicht anfangen, über Abstände zu reden.
  8. Logo: Ja, nein, vielleicht?
    In der Kopfzeile des Formulars ist das Firmenlogeo platziert. Leider verpixelt, vermutlich hat das MS Word verbrochen. Keine Entschuldigung gibt es aber dafür, dass auf verschiedenen Seiten verschiedene Logo-Varianten verwendet werden. Und auf der letzten Seite fehlt das Wiedererkennungsmerkmal vollständig.
  9. Alte Rechtschreibung.
    Ernsthaft? Es ist bald 25 Jahre her. Das lässt euch als Unternehmen nicht besonders dynamisch erscheinen.
  10. Viele, viele bunte Rechtschreibfehler.
    Okay, ich habe nun großzügig sämtliche mikrotypgrafischen Elemente (jemand mag hier sehr gerne doppelte Leerzeichen und fehlende Bindestriche), alte Rechtschreibung und die inkonsistente Nutzung von Doppelpunkten und Fragezeichen herausgerechnet. Und ich komme immer noch auf mindestens einen Rechtschreibfehler pro Seite.
  11. Auf Englisch klingt alles besser.
    Das Dokument ist offenbar urheberrechtlich geschützt, jedenfalls verfügt es über ein ©-Zeichen, das in Deutschland meines Wissens keine rechtliche Bedeutung hat. Das Copyright-Zeichen ist mit dem englischen Hinweis »all rights reserved« versehen. Der restliche Fragebogen ist allerdings auf Deutsch, weitere Firmen-Niederlassungen gibt es laut der Fußzeile nur in Frankreich.
  12. Verpixelte Bitmap-Texte.
    Die letzte Seite besteht aus dem Screenshot eines Online-Formulars. Also nicht nur verpixelt, sondern auch nicht barrierefrei (da nicht markierbar, kopierbar, skalierbar, auslesbar).
  13. IT-Sicherheit, quo vadis?
    Bin mir nicht sicher, was ich davon halten soll, dass der Datei-Ablageort des Dokuments in der Kopfzeile vermerkt ist. Sicherheitstechnisch vermutlich nicht das Beste, was man tun könnte – gerade, wenn es sich um ein Dokument handelt, dessen Bestimmungszweck es ist, das Unternehmen zu verlassen.

Fazit

Mein ausgefülltes Formular sieht aus wie Sau. Werde es nun einscannen, dann wieder ausdrucken, einmal durch das Faxgerät schicken, zweifach falten und als Einschreiben zur Post bringen.

Tschüüüüs!

P.S. Ich werde künftig quasi fürs Klugscheißern bezahlt, wuhuu

P.P.S. Apropos klugscheißern: Man spricht Köttbullar übrigens »Schöttbullar« aus. Versucht man jedoch, Schöttbullar in der IKEA Kantine zu bestellen, wird man nur sehr irritiert angeschaut. 

Gestatten, ich bin π, gesprochen: Pi. Geboren anno 1988 und aktuell in der Pfalz residierend. Beruflich beschäftige ich mich mit Pixeln, Papier und PR.

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