Werthern, Gilead und die Glasmenagerie

Seit ich in Kaiserslautern wohne habe ich erfreulicherweise wieder einen regelmäßigen Draht zu einer Freundin aus der Schule. Lieschen1 und ich teilten in der Oberstufe in einigen Kursen Freud und Leid. Insbesondere der gemeinsame Englisch-LK hat uns nachhaltig geprägt, sodass wir noch heute – mehr als zehn Jahre später – mit einem gequälten Lächeln Insider-Floskeln in Gespräche einfließen lassen.

Aktuell haben wir offenbar den Impuls, uns besonders kulturell interessiert zu zeigen, jedenfalls haben wir im Herbst 2018 zur neuen Spielzeit im Heftchen des Kaiserslauterer Pfalztheaters bekannte Stücke entdeckt und beschlossen, wieder einmal einen Fuß über die Türschwelle des Theaters zu setzen. Nun ja.

Lautrer Schwellenhüter

Erinnert ihr euch an meine verzweifelten Versuche, beim Pfalzbau in Ludwigshafen online Theaterkarten zu kaufen …? Wie soll ich sagen: Das Kaiserslauterer Pfalztheater möchte damit offenbar in Konkurrenz treten. Der Kartenvorverkauf des hiesigen Theaters beginnt zwei Monate im Voraus. Wir hatten uns zwei Stücke herausgesucht und bei sämtlichen Terminen direkt am Tag des Vorverkaufs angerufen. Auf der Website gibt es auch einen Knopf zum Onlinekauf, aber der erscheint nur manchmal, nur auf manchen Seiten und alles ist sehr, sehr seltsam. Doch auch die Telefonate erwiesen sich als höchst erfolglos. Denn die meisten Termine waren generell für Schulklassen geblockt oder mysteriöserweise direkt ausverkauft. Nach ein paar Wochen großer Frustration hatten wir den Eindruck, dass das Theater gar nicht möchte, dass wir kommen. Glücklicherweise haben wir nicht aufgegeben und letztlich Karten für 2019 ergattert.

Die Leiden des jungen Werther

Anfang Januar war es soweit: Werther! Ich liebe Werther. In der Schule war ich mit meiner Zuneigung zu der autobiografisch angelegten Figur des Herrn von und zu Goethe relativ alleine. Die Bühnenadaption sollte auf der Werkstattbühne aufgeführt werden, also alles etwas kleiner, familiärer und experimenteller als im Großen Haus. Und geheimnisvoller. Leider gibt es online nirgends eine Angabe zum Einlass. Nachdem Lieschen und ich vergeblich recherchiert hatten, wurden wir an der Theaterkasse aufgeklärt: 60 Minuten vor Beginn ist Einlass.

Etwas mehr als eine Stunde vor Beginn standen wir also motiviert auf dem etwas versteckten Eingang der Werkstattbühne – wir wollten ja einen guten Platz ergattern, denn feste Sitzplätze gibt es hier nicht. Leider war das Gebäude verschlossen und außer uns weit und breit keine Theaterbesucher in Sicht. Der Spaziergang zum Großen Haus bestätigte die 60 Minuten, sodass wir uns die Zeit bis zum Einlass noch mit dem Versuch vertrödelten, nicht zu erfrieren. Um 17.30 Uhr endlich die Erlösung: Das Gebäude wird aufgeschlossen. Wir sind etwas irritiert, denn außer uns und dem Garderobendienst (der darüber diskutiert, wer von beiden wohl weniger Lust auf Arbeit hat) ist immer noch keine Menschenseele in Sicht und der Saal ist geschlossen. Der geübte Theatergänger scheint das zu wissen, denn wenige Minuten vor Saalöffnung (30 Minuten vor Beginn!) füllt sich das kleine Foyer plötzlich.

Werther. Drei Schauspieler, die in der Inszenierung die Handlung transportieren. Im Nachhinein frage ich mich, ob man die Charaktere überhaupt versteht, wenn man den Briefroman nicht selbst gelesen hat.

Es ist wie bei einem Lieblingsessen, bei dem eine Zutat ausgetauscht wurde; beziehungsweise drei. Albert war mir ja schon immer unsympathisch, aber plötzlich denke ich mir hinsichtlich meines Lieblingsprotagonisten: »Du meine Güte, nun erteilt ihm doch bitte endlich Hausverbot.« Werther ist ein Psychopath. Seine Leidenschaft ist manisch. Er ist nicht liebenswert. Er ist nicht verliebt. Er ist creepy. Er ist ein Stalker. Und das liegt nicht nur an ihm, denn auch Lotte trägt ihren Teil dazu bei. Sobald Albert aufkreuzt, lässt sie Werther wie eine heiße Kartoffel fallen, schließt ihn aus und ist regelrecht genervt von seinen Avancen.

Wir verlassen das Theater wieder und ich bin super frustriert ob der unsympathischen Charaktere. Lieschen findet: Sie habe noch kein Theaterstück gesehen, bei dem ihr die Protagonisten sympathisch erschienen seien. Hoppla. Wieso ist das so? Weil sie toben und schreien? Weil sie zugespitzt werden auf ihre Extremen? Sind wir durch Filme und Serien mit subtiler Gestik und erklärenden Rückblenden verwöhnt?

Was ich im Kino außerdem schätze: Sehr selten verspürt im Film jemand den Drang, mit dem Publikum zu interagieren und somit die vierte Wand zu durchbrechen. Werther inmitten des Stücks zu Theaterbesuchern in der letzten Reihe: »So weit hinten diesmal, was? Da müssen Sie nächstes Mal eine halbe Stunde früher kommen, dann können Sie auch vorne sitzen.«

The Handmaid’s Tale

Bis zum nächsten Theaterstück werden noch ein paar Wochen ins Land ziehen, aber inzwischen gibt es die zweite Staffel von Handmaid’s Tale auf Amazon Video. Durch den dystopischen Roman von Margaret Atwood habe ich mich in der Oberstufe regelrecht quälen müssen. Trotzdem haben Lieschen und ich uns an die Serienverfilmung gewagt. Ich merke, dass ich von diesem schrecklichen Buch schon richtig viel verdrängt habe – jedenfalls antworte ich auf sämtliche Anmerkungen, Rückfragen und Buchvergleiche von Lieschen mit: »Ähhh … keine Ahnung!« Ich weiß auch gar nicht so genau, wieso wir uns das jetzt noch einmal antun. Aber irgendwie fesselt die Serie. Man fiebert mit. Man ist entsetzt. Man ist enttäuscht. Man hofft. Und irgendwie fängt man an, politischer zu denken. Und jetzt warten wir mit mulmigem Gefühl auf Staffel drei.

Die Glasmenagerie

Tennessee Williams! Im Februar ist es soweit und die Glasmenagerie im Pfalztheater steht an. Ich freue mich schon, denn ich mochte das Theaterstück in Schriftform sehr gerne. Trotzdem weiß ich nicht mehr allzu viel. Lieschen und ich lesen sicherheitshalber vorab eine Zusammenfassung  und fühlen uns gewappnet.

Als echte Werkstattbühnen-Kenner schlendern wir pünktlich zur Saalöffnung (nicht etwa zur Gebäudeöffnung) in das Foyer. Die anschließende Platzsuche erfolgt einem komplizierten Algorithmus, der sicherstellen soll, dass wir diesmal nicht in die Handlung einbezogen werden. Das Stück beginnt – diesmal müssen wir kein »Zählens« mit Lotte spielen. Die vier wunderbaren Schauspieler nehmen uns mit in die Welt der Familie Wingfield. Natürlich mit vielen Live-Videoprojektionen, das scheint inzwischen zum guten Ton dazuzugehören. Und das Stück endet – ganz ohne Publikumsinteraktion. Lieschen und ich nicken uns zufrieden zu. Ich kann diesmal nicht meckern. Auch wenn ich heilfroh bin, nicht im Haushalt Wingfield zu leben, so fangen die Schauspieler doch sehr treffend die Charaktere des Stücks ein und transportieren ihre Lebens- und Leidensgeschichte.

Habe ich es mir zu leicht gemacht? Etwa meine Erwartungen heruntergeschraubt oder das Theaterstück einfach nicht mehr so deutlich vor Augen gehabt wie die Handlung meines lieben Werthers?

Was das betrifft: Mein Lieblingsmensch und ich haben gestern den Keller ausgemistet. Dabei habe ich mich dazu durchgerungen, meine Ordner aus der Oberstufe zu entsorgen. Fast alle jedenfalls. Einer der Englisch-Ordner liegt jetzt auf meinem Schreibtisch. Darin ist nämlich ein Theaterstück abgedruckt, das ich nochmal lesen muss.

  1. Vorname aufgrund einer hochgradigen Allergie gegen digitale Daten entfremdet. Echter Name der Redaktion bekannt.

Du bist in Ordnung, Junger Pfalzbau!

Wie vor einigen Wochen bereits angekündigt, ging es am Wochenende nach Ludwigshafen in das Musical »Du bist in Ordnung, Charlie Brown«.

Nun haben mein Lieblingsmensch und ich ein Problem. Wir haben beruflich beide mit dem Bereich Eventorganisation bzw. Eventtechnik sowie Design zu tun. Wir bekommen Apps, Broschüren und leere Bühnen hingestellt und fügen einen Schuss Funktionalität, Usability und Ästhetik hinzu. Wir sind Optimierer.

Das Problem dabei ist, dass sich dieses Optimierungsdenken nur schwer abschalten lässt. Mir fallen dazu spontan zwei Dinge ein.

Kann bitte jemand dem Pfalzbau eine neue Website machen?

Als ich gestern Abend über einen Facebook-Beitrag der MRN News (Metropolregion Rhein-Neckar) darauf aufmerksam wurde, dass das Theater im Pfalzbau (Ludwigshafen) im September ein neues Musical launcht – und zwar »Du bist in Ordnung, Charlie Brown« – da wurde ich ganz aufgeregt, da ich sowohl Musicals als auch die Peanuts sehr gerne mag.

Als ich heute nun motiviert Tickets kaufen wollte, endete das Ganze in einem sehr frustreichen Erlebnis.